18.02.2017 14:15

"Ich muss mit meiner Favoritenrolle leben"

Pierre Bischoff im exklusiven Interview über seinen Sieg beim Race Across America 2016, seinen Start beim Glocknerman und seine Freude am Extremradsport


Glocknerman: Herzliche Gratulation zu deiner sensationellen Leistung beim RAAM im vergangenen Jahr. Was hat sich seit dem Sieg bei dir verändert?

Pierre Bischoff: Seit meinem unerwarteten Sieg hat sich sicher nicht die Welt auf den Kopf gestellt. Ich habe seitdem einfach keinen Druck mehr. Ich wollte immer einmal beim RAAM am Start stehen und den riesigen Rucksack, den ich über Jahre angesammelt habe, endlich im Meer versenken. Dies ist mir wahrhaftig gelungen. Hier und da kamen natürlich ein Paar Anfragen für Interviews oder Vorträge, doch neben meinem Job als Guide und Controller im Mein Almhof Hotel in Nauders bleibt dafür kaum Zeit. Eigentlich freue ich mich darauf bald auf Mallorca zu sein und nur noch radeln zu „müssen“.

Vor kurzen hast du bekannt gegeben beim Race Across Russia an den Start zu gehen. Warum Russland und nicht nochmal Amerika?

Ich wollte immer nur einmal das RAAM fahren und dann kürzer treten im Radsport. Es hat über Jahre hinweg viele Ressourcen gekostet und es kommt einmal der Punkt wo man ehrlich zu sich sein und sagen muss bis hier hin und nicht weiter. Mit meiner Aussage ich will erwachsen werden war vor allem die finanzielle Belastung ein großer Aspekt. Den hat man mir aber nun für Russland genommen sodass ich quasi keine Ausrede mehr hatte. Dank des unbändigen Willen des Veranstalters habe ich dann halt zum Red Bull Trans Sibirien Race (RBTSR) zugesagt.

Seit jeher ist das Race Across America mit etwa 4800km das längste und wohl härteste Radrennen der Welt. Das Race Across Russia hat die doppelte die Distanz, welche jedoch in Etappen gefahren wird,  doch stellt es eine neue Dimension im Extremradsport dar. Was glaubst du wohin führt der Trend? Immer weiter, immer härter? 

In wieweit sich dieses Format eines Ultra-Etappenrennens entwickeln wird lässt sich schwer voraussagen. Ich denke, dass das RAAM als einziges seiner Art so existieren wird und das RBTSR Potential hat etwas Besonderes der Etappenart zu sein. Höher, schneller, weiter - so ticken wir Menschen doch alle irgendwie. Schließlich gibt es ja auch Menschen die durch den Himalaya radeln.

Wir sind sehr froh, dass du 2017 am Glocknerman teilnehmen wirst. Was bedeutet für dich das Rennen?

In erster Linie fahre ich dieses Rennen als Formbestimmung für mich. Aufgrund meiner vielen Motivationsschwankungen im Training kann ich überhaupt nicht sagen wie meine Form bis dato sein wird. Einen Monat vor dem RBTSR ist das der ideale Härtetest. Sowohl mental als auch körperlich.

Bereits 2014 hast du am Glocknerman teilnehmen und könntest dir damals den 2. Platz sichern. Wie war das Rennen damals?

Das Rennen 2014 spiegelt meine Einstellung zum Ultraradsport wieder. Es ging mir nie um Platzierungen oder Rekorde, einzig um den Spaß miteinander und ein faires Miteinander. Als ich mit der Führungsgruppe unterwegs war und einen Plattfuß hatte, stand die ganze Gruppe und es hat keine attackiert. Es war ein Beweis für Zusammenhalt, obwohl man gegeneinander fährt. Und der Sieger 2014, er hat sich seinen Traum damit erfüllen können. Er hat es so sehr gewollt, dass es mich gefreut hat ihn als Sieger wahrzunehmen. Und ich weiß nicht ob ich das Talent habe schnell zu sein oder ihn vielleicht mit einer Attacke noch hätte kriegen können. Mir ging es ums Ankommen und nicht ums Gewinnen.

Was erwartest du dir heuer?

Jeder wird mich wohl als Favorit einstufen. Damit muss ich wohl leben. Für mich bin ich es aber absolut nicht. Mein derzeitiges Leistungsniveau ist so im Keller, dass ich wirklich schon ein wenig Angst bekomme in vier Monaten am Start zu stehen. Ich bin einfach froh mit vielen Startern eine extreme Challenge zu bestreiten. Den Glockner zweimal zu bezwingen und dann wieder in Graz anzukommen. Wenn es eine Zeit um die 40 Stunden werden würde, das wäre großartig, aber bis dahin ist es für mich noch ein langer, steiniger Weg. Und für jeden Starter ist es vielleicht ein Hauch extra Motivation, den bis dahin noch aktuellen RAAM Sieger zu schlagen.

Am Tag vor dem Rennen wirst du im Rahmen des Glocknerman einen Vortrag zum Sieg beim RAAM halten. Ist es dein erster Vortrag in der Steiermark? Was erwartet die Besucher?

Ja, es wird mein erster Vortrag in der Steiermark, quasi in dem Bundesland der Ultraradfahrer sein, wo schon viele Größen vor mir von Ihren Abenteuern erzählt haben.  Ich möchte einfach meine Erfahrung, die ich gemacht habe, jeden zukommen lassen, der Interesse daran hat. Bei einigen Vorträgen wurde ich schon gefragt, warum es nie qualvoll wirkte 10 Tage zu radeln. Ich hatte einfach Spaß und diesen Spaß und die Freude und auch mal die kleinen mentalen Tiefs werde ich in dem Vortrag  mit Bildern und Videos näher bringen und so vielleicht auch den einen oder anderen mal dazu ermutigen sich selbst auf das härteste Ultraradrennen der Welt vorzubereiten. 

 



Pierre Bischoff, Jahrgang 1984, ist ein deutscher Extremradfahrer und Sieger des Race Across America 2016 mit einer Zeit von 9d 17h und 19min. Bischoff geht heuer auf der Ultra-Strecke beim Glocknerman an den Start. Am Tag vor dem Start erzählt er von seinem sportlichen Lebenswerk.